Umgang mit dem NS-Erbe

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs, 1945, gab es in Deutschland 800.000 Mitglieder der SS. Etwa als 2000 Männern wurde der Prozess gemacht, einige Hundert davon kamen ins Gefängnis, die Allermeisten wurden nach wenigen Jahren Haft vorzeitig entlassen. 798.000 der schlimmsten Täter gingen komplett straffrei aus und besetzten auch noch ihre alten Posten in der Bundesrepublik. Es hat mich immer interessiert, wie die Nachfahren der heftigsten Täter mit diesem schweren Erbe umgehen. Wichtige Antworten und Einblicke gibt der Film „Meine Familie, die Nazis und ich“ von Chanoch Ze`evi aus dem Jahr 2012. 

Auf dieser Seite möchte ich an den frankfurter Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer erinnern, der den ersten Auschwitzprozess 1963 in die Wege geleitet hat. Unglaublich, dass dieser Prozess erst 18 Jahre nach Kriegsende stattfinden konnte. Fritz Bauer trug auch massgeblich dazu bei, dass Eichmann in Argentinien gefasst werden konnte. Unfassbar auch, dass Fritz Bauer in der Bundesrepublik der 60er Jahre seine Homosexualität nicht frei leben konnte, da das damals noch verboten war. Zwei Dokus über sein Leben und wirken gibt es hier: Doku 1 / Doku 2. Der Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ von 2015 ist sehenswert, hier geht es zum Trailer. 
Link zum Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt.

Selbst mit einem vom Krieg höchsttraumatisierten Opa aufgewachsen, finde ich mich in dem 2018 entstandenen, sehr persönlichen Film „Kulenkampffs Schuhe“ der deutschen Regisseurin Regina Schilling sehr wieder. Der Film zeigt in einrücklicher Weise die immer noch unterschwellig bedrückende Stimmung in Westdeutschland der 70er und 80er Jahre. Unter dem Einfluß dieser Stimmung sind die meisten Menschen meines Jahrgangs in Deutschland aufgewachsen, samstags abends vor der Glotze mit Hans-Joachim Kulenkamppf, Peter Alexander und Hans Rosental.
Am Anfang des Films wird eine Ansprache von Hitler eingeblendet, wo er mit Blick auf die jungen Nachwuchssoldaten den Ausspruch tätigt: „Und sie werden nicht mehr frei, ihr ganzes Leben“. Am Schluß des Films wird der Ausspruch noch einmal aufgegriffen, wie als Bestätigung davon, dass er selbst auf die in dem Film gezeigten Prominenten voll und ganz zutrifft.  

Ein weiterer, sehr bemerkenswerter Film ist Comedian Harmonists des 2020 verstorbenen Regisseurs Joseph Vilsmaier aus dem Jahr 2007. Ulrich Noethen spielt neben Ben und Meret Becker eindrücklich die Dramatik der damaligen Zeit heraus.

Diese beiden Bücher beinhalten Interviews von wichtigen Zeitzeugen: 

Tim Pröse: Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler. Heyne Verlag 2016.

Ich dachte, das sei mein Ende…: Gespräche mit Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg. Herbig Verlag 2015.

Ein sehr beeindruckendes Buch zur Dynamik zwischen Opfer und Täter hat Daan van Kampenhout geschrieben, er verbindet den Schamanismus, die Familienaufstellungen und das Judentum:

Daan van Kampenhout: Die Tränen der Ahnen. Opfer und Täter in der kollektiven Seele. Carl-Auer-Systeme Verlag Heidelberg, 3. Auflage 2018.

Man mag von Bert Hellinger halten was man will, natürlich ist er sehr umstritten gewesen. Trotzdem lohnt sich die Beschäftigung mit diesem ergreifenden Buch. Hellinger war mit seiner Versöhnungsarbeit in Israel sehr erfolgreich.

Bert Hellinger: Rachel weint um ihre Kinder. Familien-Stellen mit Überlebenden des Holocaust in Israel. Verlag Herder Freiburg 2004.